Wacken 2023

Weil alle fragen, wie unser Wacken in diesem Jahr gelaufen ist und weil ich mir die Enttäuschung aus den Fingern schreiben MUSS und es nicht noch dutzende Male erzählen WILL- hier ist ziemlich wertungsfrei (hoffentlich) unser Bericht.

Die Ticket-Börse für Wacken 2023 öffnete am Rückreisetag vom Wacken 2022 um 20 Uhr. Dank diverser und erwarteter Staus waren wir noch auf der Autobahn und weit von zu Hause. Trotz Handy und Warteschleifen und Funklöchern und Tunnel hatte ich es um kurz nach 21 Uhr geschafft und 2 Tickets für 2023 bestellt und bezahlt, während Sven uns weiter nach Hause chauffierte.

Den Headliner Iron Maiden haben wir da noch für FakeNews gehalten und im weiteren Verlauf jeden dazu kommenden Act gefeiert. DAS würde das Festival unseres Lebens werden, DA ging es nicht nur um Wacken-Feeling, sondern um ein ganzes Metal-Leben im Rückblick geballt in ein paar Tagen. Ein ganzes Jahr in Vorfreude steigerte diese ins Unermessliche!

Die Organisation für zu Hause und besonders für alle zurückbleibenden pelzigen Familienmitglieder war zwar schwieriger, als 2022, aber wir haben auch das geschafft. Dank Christel, Leonie und Ilka konnten wir tatsächlich beruhigt starten. Geplant war die Abreise für den späten Abend am Montag, weil wir auch für 2022 über Nacht gefahren waren und ohne größere Staus morgens um 7 Uhr in Wacken waren. Schon am frühen Abend kamen die ersten Meldungen von gigantischen Staus, von Metalheads, die 20 Stunden lang ohne Pause oder gar Schlaf im Stop-and-Go um Wacken kreisen mußten. Wenig später wurden alle von den Veranstaltern gebeten, ihre Anreise zu verschieben bis am Dienstag morgen um 10 Uhr neue Nachrichten kämen. Wir haben noch eine Matratze in den Caddy gepackt, falls wir irgendwo unterwegs stecken bleiben würden und haben gewartet. Es wurde 10 – es wurde 11 – für 700km kann man nicht bis fünf vor zwölf warten, also sind wir ins Blaue gestartet. Nachrichten kann man ja auch unterwegs lesen. Die letzte Aktion im heimischen WLAN war das Aufladen der Cashless-Pay-Karten.

Unterwegs sahen wir doch das eine oder andere WOA auf Heckscheiben, also waren wir nicht die Einzigen, die nicht noch länger warten wollten. Inzwischen wurde vom Veranstalter ein Anreisestopp kommuniziert.

In Wacken mußte jedes Fahrzeug einzeln mit Traktoren auf den Acker gezogen werden und das dauert einfach länger, als wenn jeder selber fahren kann. Über 50 freundliche Treckerfahrer haben rund um die Uhr gearbeitet. Weil wir gar nicht auf den Acker wollten, sondern ein Quartier bei freundlichen Menschen im Nachbarort reserviert hatten, fühlten wir uns nicht wirklich betroffen. Der Plan war, vor dem ersten Stau raus zu fahren und die Lage von der Seitenlinie zu betrachten, möglichst gemütlich mit Kaffee und Dach über dem Kopf, zur Not auch auf unserer Matratze.

Der erste Stau kam dann früher, als erwartet: Zwischen Walsrode und Soltau-Süd auf der A7 sollte auf 11km gar nichts mehr gehen. Erst später erfuhren wir, daß da ein Schwerlaster verunfallt war und es keinen Bezug zu Wacken gab. Aber wir beschlossen, das ausgefallene Frühstück jetzt am Spätnachmittag endlich nachzuholen. Der Verkehrsfunk brachte noch Vorfreude auf 6km vor dem Elbtunnel und RadioBOB berichtete vom totalen Chaos rund um Wacken. Auch die Sozialen Medien waren voller Berichte von gestrandeten Menschen.

Aber es gab auch unglaubliche positive Nachrichten: Metalheads wurden eingeladen, auf dem Parkplatz am Hamburger Volksparkstadion zu campieren, ein Baumarkt bot trockene Übernachtungsplätze in den ausgestellten Gartenhäusern auf seinem Parkplatz an und unzählige Anwohner räumten ihre Auffahrten und Gärten für übermüdete Metalheads. Der Flugplatz „Hungriger Wolf“ (was für ein Name!!) wurde zur Parkfläche und später sogar zum Wacken-Außenlager inkl. Bändchenausgabe und Shuttleservice. Die Menschen im Norden haben einen völlig falschen Ruf, nicht wortkarg und verschlossen, sondern überaus herzlich und gastfreundlich sind sie.

Von alledem waren wir noch über 200km entfernt und sehr unschlüssig, ob wir weiter fahren sollten um irgendwann vielleicht in tiefer Nacht doch in unserem Quartier in Holstenniendorf anzukommen oder auch zu den Gestrandeten in irgendeinem Stau zu gehören. Es war eine glückliche Eingebung, mich in diesem Moment an Brigitte zu erinnern. Sie wohnt nur ca. 20 km von unserem aktuellen Standort entfernt und bekam eine WhatsApp „Bist Du Hause? Magst Du Besuch haben?“ Zweimal JA und so hatte Brigitte auch Gestrandete aufgenommen. Wir hatten viel Kaffee, viel zu erzählen, ein warmes Bett, ein tolles Frühstück am nächsten Morgen und anschließend noch eine Klangmassage.

Alleine dafür hätte sich die Reise gelohnt! Ich hatte keine Ahnung, was man sich unter einer Klangmassage vorstellen soll und bin mit Neugier und Skepsis in diese Probestunde gegangen. Es war wundervoll und ich mache hier gerne etwas Werbung, sie macht das nämlich inzwischen professionell. Klang- und Entspannungstherapie „Balance“ Brigitte Prescher(öffnet in neuem Tab)

Daß inzwischen auch der Einlaßstopp aus Wacken kam, war eigentlich nur die logische Folge auf alles, was man bisher von dort gehört hatte: Ein brennendes Auto konnte erst nach mehr als einer Stunde gelöscht werden, weil die Feuerwehr den Platz nicht mehr befahren konnte, im Krankenhaus in Itzehoe wurden innerhalb weniger Stunden 17 Knochenfrakturen aus Wacken behandelt, Rolliefahrer konnten gar nicht mehr ins Infield usw., usf.

Ich habe mir eine Menge Fotos aus dem Netz geborgt, um zu zeigen, was auf dem heiligen Acker los war und dabei sind auch welche mit Galgenhumor. Wer am Ende wirklich lacht, wenn die Autos am Sonntag aus dem angetrockneten Schlamm gezogen werden, wird sich noch zeigen. Eigene Bilder kann ich nicht liefern, denn wir sind wieder nach Hause gefahren. Es war nicht fair, daß Fans wie wir, die sich recht brav an die Vorgaben der Veranstalter gehalten haben, jetzt nicht mehr kommen durften, auch nicht ohne Auto. Fans, die um die halbe Welt geflogen waren, saßen auf allen deutschen Flughäfen und kamen nicht weiter, weil die Shuttles ausfielen. Diejenigen, die dreist drauf los sind, feiern jetzt Schlammpartys – diejenigen, die sich auf die Acts gefreut haben, dürfen jetzt Live-Stream auf dem Sofa feiern. Nächstes Jahr ist KEIN Trost, denn diese Ballung von genialen Bands wird es nicht wieder geben!

Zu Hause durften wir dann erfahren, daß weiterhin jeder aufs Festival durfte, der dort ankam. Anreisestopp, Einlassstopp galt nur offiziell und auch zwei Tage später kommen noch Leute in Wacken an und dürfen aufs Gelände. Ich bin gespannt, ob und welche Konsequenzen das noch haben wird.

Ich freue mich auf Kommentare ;-)